12.01.2015 / Beelitz
 

Zempern - Wie die Beelitz-Dörfer den Winter vertreiben

Der Bär geht um dieser Tage in den Dörfern rund um Beelitz: An der Leine geführt, klingelt er an den Türen, schnappt sich die Dame des Hauses und wagt ein Tänzchen mit ihr. Dabei wird er von kostümierten Einwohnern begleitet, die mit Lärm und Musik den Winter vertreiben wollen – und um Spenden bitten. Zempern heißt die Jahrhunderte alte Tradition, die hierzulande nicht nur gepflegt, sondern regelrecht zelebriert wird. An jedem Wochenende im Januar ist ein anderer Beelitzer Ortsteil an der Reihe: Der Anfang wurde in Elsholz gemacht, am vergangenen Wochenende steppte der Bär in Buchholz. Am 17. Januar folgen die Wittbrietzener, am 24. die Zauchwitzer und schließlich die Salzbrunner am 31. Januar.

Das Zempern (oder auch Zampern) kommt aus dem sorbischen Raum, wird aber auch in der Beelitzer Region gepflegt. Das Wort bedeutet so viel wie „einfordern“: Die Zemperer ziehen von Haus zu Haus und bitten um Speisen und Geld, dabei wird auch das ein oder andere Gläschen geleert. Mit den gesammelten Gaben wird dann eine große Abschlussfeier in der örtlichen Gaststätte veranstaltet und finanziert. In manchen Orten müssen auch Durchreisende in die Tasche greifen: Wer die Dorfstraße passieren möchte, muss dann ein paar Euro Zoll zahlen. Der Bär symbolisiert dabei den Winter, der auf diesem Wege ausgetrieben – oder an der Kette abgeführt – werden soll.

In Buchholz waren am vergangenen Wochenende rund hundert junge Leute ab dem frühen Morgen im Ort unterwegs. Begleitet vom Jugendblasorchester und kostümiert als Kühe, Clowns oder Musketiere, machten sie an fast jeder Haustür des 400-Einwohner-Ortes Halt. Sogar die „Village People“, eine Diso-Band aus den 1970er Jahren, feierten hier ihr Comeback und tanzten auf den Straßen, während ihre Hymne „Y.M.C.A.“ eindrucksvoll auf Blechblasinstrumenten intoniert wurde. Seit den 1990ern sei das Zempern in Buchholz ein so großes Spektakel, erklärt Mitorganisator Christian Sommer. Da gewesen sei es aber schon immer.

„Mit hoher Wahrscheinlichkeit geht diese Tradition bis ins 19. Jahrhundert oder noch weiter zurück“, sagt Detlef Fechner, Ortschronist im Buchholzer Nachbarort Wittbrietzen. Dort wird am kommenden Samstag ab 8.30 Uhr gezempert. Am Nachmittag gibt es Kindertanz im Dorfgemeinschaftshaus und am Abend Live-Musik mit der Band Kondor aus Brück. Ein Nachweis, wann und wo genau die Ursprünge des Zemperns liegen, sei schwierig: „In alten Quellen habe ich noch keine Hinweise gefunden – vermutlichb weil es einfach dazu gehörte und deshalb nicht weiter erwähnenswert schien“, erklärt Fechner. Auch zu DDR-Zeiten wurde gezempert.

Übrigens wird in Wittbrietzen der Bär nicht einfach kostümiert, sondern aufwendig in Haferstroh eingebunden, so wie es eigentlich Brauch ist. Das Stroh wird seit wenigen Jahren extra dafür angebaut, erklärt Ortsvorsteherin Simone Spahn. Der Einwohner, auf den das Los fällt, brauche dann nicht nur viel Geduld, sondern auch eine feste Blase, lacht sie. Sein Buchholzer Artgenosse musste am Samstag in erster Linie ein dickes Fell haben, denn ihm wurden auch Streiche gespielt – unter anderem wurde er unter lautem Gelächter auf einem Karussell herumgewirbelt.

Die älteren Einwohner können sich noch an jene Jahre erinnern, als sie selbst lärmend den Winter vertrieben haben, so der Buchholzer Christian Sommer. „Die finden es gut, dass die junge Generation damit weitermacht.“ Und das konnte man am Samstag sehen: Viele haben gleich ihr Hoftor offen gelassen, andere vor ihrem Haus kleine Tische aufgestellt und Brote, heiße Würstchen und Getränke ausgegeben. So gut wie jeder warf auch ein paar Euro in eine der laut rasselnden Sammelbüchsen – mit deren Inhalt dann die „Zickenfastnacht“ finanziert werden soll, die nächste große Party im März. Bis zum späten Nachmittag war die Gemeinschaft unterwegs – und hat den Winter das Fürchten gelehrt.

 
Text - Bilddatei  © Thomas Lähns - Pressesprecher Stadt Beelitz

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